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Wirtschaftliche Narrative in Krisen

Die vielen Krisen, die die Weltwirtschaft, Europa und Deutschland heimsuchen, werden in den Medien ausführlich beschrieben und sorgen bei den Menschen für eine Furcht vor der Zukunft. Die Energieversorgung ist nur noch durch „Energie sparen“ sicherzustellen, eine weltweite Rezession steht vor der Tür und ein Krieg in Europa tut sein Übriges dazu. Dies befeuert ein Narrativ, das bereits in den 30-er Jahren ähnlich funktionierte – während der großen Weltwirtschaftskrise. Robert Shiller beschreibt dies sehr ausführlich ein seinem Buch „Narrative Wirtschaft“ (2019) vor allem in seinem Kapitel 11: „Sparsamkeit contra Zurschaustellung von Konsum“.
Es ist ein interessanter Vergleich zu heute möglich, weil die Menschen heute wieder vor dem Hintergrund der Rezession und der Energiekrise ihr Geld zusammenhalten und mehr sparen (in Deutschland ist die Sparquote wieder auf Vor-Corona-Niveau, aber die Menschen beabsichtigen mehr zu sparen – so einige renommierte Wirtschaftsforscher). Das Konsum-Barometer des HDE, das als verlässlicher Gradmesser für die Kauflaune gilt, weist den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebungen vor 30 Jahren auf. Laut dem Hamburger Gewos-Institut sinkt dieses Jahr erstmals seit der Finanzkrise 2009 der Immobilienumsatz.
Die Situation ist sehr vertrackt, weil die Menschen mehr für Energie und sonstigen Konsum ausgeben und ansonsten mehr sparen, wenn sie überhaupt sparen können. Wirtschaftsforscher wie Marcel Fratzscher vom DIW sagen, dass rund 40 % der Menschen in Deutschland keine nennenswerten Ersparnisse haben. Deren Ausgaben für höhere Energiepreise fehlen dem Rest der Wirtschaft.
Shiller (2019) stellt den Zustand in den 30-er Jahren aus einer anderen Perspektive wie folgt dar: „Das Narrativ hat eine moralische Dimension.“ Die Spartendenzen führten damals zu einer gesellschaftlichen Bewegung, die Sparen als angemessen und notwendig erachtete, weil die wirtschaftlichen Bedingungen dies erforderten. Heute ist es ähnlich, wenn auch nicht identisch. Die Staaten sind ausgabefreudiger als die Staaten in den 30-er Jahren und können vielleicht einiges aufwiegen.
Ein weiterer Aspekt kommt erschwerend hinzu: die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung und die Inflation ermöglichen den Menschen kein inhärentes Verhalten mehr. Getrieben von der Verlustaversion (beschrieben von Daniel Kahnemann) investieren sie weniger und unterliegen darüber hinaus verschiedensten Verzerrungen, wobei der berühmte „Herdentrieb“ und die „Fehleinschätzung von Wahrscheinlichkeiten“ m.E. die bedeutsamsten sind. Folglich überbewerten sie die negativen Entwicklungen, geben weniger aus und sehen dann auf der anderen Seite, dass ihr gespartes Geld durch die massive Inflation an Wert verliert (über alle Assetklassen hinweg besteht die Gefahr negativer Realzinsen). Menschliche Akteure neigen in solchen Zuständen zu „kognitiver Dissonanz“, haben also ein starkes Unwohlsein aufgrund unvereinbarer Wahrnehmungen.
All dies führt zu einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“: ein Nachfragerückgang führt zu sich verstärkenden negativen kumulativen Prozessen und mündet schließlich in einer Rezession. Die große Frage, was zu tun ist, ist schwer zu beantworten. Zumindest könnte man versuchen, den Menschen mehr „Zuversicht“ bezüglich der Zukunft einzuflößen und ihnen neuere technischen Entwicklungen wie die Blockchain, neue medizinische Entwicklungen, neuartige Energiekonzepte zu vermitteln. Zudem ergeben sich bei günstigen Asset-Preisen Einstiegsmöglichkeiten mit Potential. So hat es immer funktioniert.