Corona-Paradox: Aktienrallye und wirtschaftlicher Niedergang

Corona-Paradox: Aktienrallye und wirtschaftlicher Niedergang

Oft fragen mich Studenten, wieso die Aktienmärkte in Zeiten, in denen wirtschaftliche Rezession oder fast schon Depression herrscht, ein so starkes Wachstum hinlegen: der S&P 500 stieg seit dem tiefsten Stand im März um fast 40 %, der DAX sogar um über 45 %. Und nicht nur Studenten fragen dies, sondern es herrscht allgemein eine Irritation über so eine starke Abkoppelung der Aktienmärkte von der Realwirtschaft. Sicher, an den Märkten wird mit der Zukunft gehandelt, aber dies reicht hier für eine Erklärung wohl nicht aus. Die realen Wachstumserwartungen lt. IMF für den Euro-Raum im Jahr 2020 liegen bei – 7,5 % (2021 bei 4,7 %), für die USA bei -5,9 % (2021 bei 4,7 %) und China bei nur 1,2 % (2021 bei immerhin 9,2 %). Dies sind keine guten Zahlen und können den Zustand der Aktienmärkte nur mäßig erklären.
Andererseits gibt es auch Gewinner in diesem Feld: nämlich einige Unternehmen der Internetökonomie wie Apple, Amazon, Alphabet, Facebook, Microsoft. Die Aktien dieser „Big Five“ haben in der Zeit von März bis Anfang Juni 2020 im Schnitt um 12 % dazugewonnen (Amazon allein 25 %): offenbar macht sich dies im Index bemerkbar, wenn diese „Big Five“ ca. 20 % der Marktkapitalisierung des S&P 500 ausmachen.
In Europa gibt es keine solche digitalen Schwergewichte, hier kommt eher ein anderer Faktor ins Spiel, nämlich die massiven Stützungskäufe und Hilfspakete der Notenbank und der Regierungen. Allerdings sollte hier die Frage untersucht werden, wer am meisten von diesen Paketen profitiert. Kauft die Notenbank Unternehmensanleihen auf, hilft das eher großen Kapitalmarkt-orientierten Unternehmen. Große Konzerne wie TUI und Lufthansa erhalten zudem erhebliche staatliche Hilfen (TUI erhält einen staatlichen Kfw- Kredit in Höhe von 1,8 Mrd. € und Lufthansa realisiert ein Hilfspaket in Höhe von 9 Mrd. €).
KMU erwirtschaften rund 44 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und stellen fast die Hälfte aller Arbeitsplätze. Sie haben häufig keinen Zugang zum Kapitalmarkt und sind mit zu wenig Liquiditätsreserven ausgestattet. Wenn also eine Gruppe die Realwirtschaft repräsentiert, dann sind es diese Unternehmen. Sobald die Banken hier ihre Ampeln auf Rot stellen, weil die Bonität dieser Unternehmen einbricht, dann hat dies erhebliche Auswirkungen. Es wäre berechtigt, die Ausrichtungen der ganzen Hilfspakete zu hinterfragen: wäre es nicht besser gewesen, mit Garantien für mittelständische Unternehmen großzügiger umzugehen und die Kapitalbasis dieser Unternehmen auch mit innovativen Finanzprodukten zu stärken, wenn man wirklich der Realwirtschaft helfen wollte?
Insgesamt gesehen deuten sich sektorspezifische Verwerfungen an: digitale Unternehmen und Dienstleister profitieren, die Gesundheitsbranche ebenfalls, aber mittelständische Dienstleister im Gastronomie- und Tourismusbereich erleben die schlechtesten Umsatzzahlen seit langem. Die in Deutschland so wichtige Automobilindustrie kämpft mit einem hohen Absatzrückgang und wird wohl auch bald Entlassungen ankündigen müssen, das Tal der Tränen wird zudem von strukturellen Problemen vertieft. Alle die zuletzt genannten Faktoren haben erheblichen Einfluss auf die Realwirtschaft, aber es ist nicht verwunderlich, wenn die Instrumente der „Old Economy“ hier nicht weiterhelfen.
Diese Krise ist so außergewöhnlich und die Lernkurve kann gar nicht so steil werden, so dass die alten Instrumente auf keine offensichtlichen Alternativen stoßen.

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