Quantencomputer sind keine „schnelleren Laptops“ und auch kein Ersatz für klassische Rechner im Alltag. Ihr Zweck ist ein anderer – und genau darin liegt ihr strategisches Potenzial.
Während herkömmliche Computer mit Bits arbeiten, die entweder den Zustand 0 oder 1 haben, nutzen Quantencomputer Qubits. Diese können – vereinfacht gesagt – mehrere Zustände gleichzeitig annehmen. Zusätzlich können Qubits miteinander verschränkt sein, sodass ihr Verhalten nicht unabhängig, sondern gemeinsam beschrieben wird.
Das führt nicht zu „magischem Rechnen“, aber zu einem entscheidenden Unterschied:
Ein Quantencomputer kann bei bestimmten Problemtypen sehr viele Lösungswege parallel durchspielen, statt sie nacheinander abzuarbeiten.
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Wofür ist das nützlich?
Quantencomputer sind besonders stark bei sogenannten Optimierungs-, Kombinations- und Simulationsproblemen. Das sind Aufgaben, bei denen die Zahl möglicher Lösungen explodiert:
• Verkehrs- und Routenplanung
• Logistik- und Lieferketten
• Einsatz- und Schichtplanung
• Material- und Molekülsimulation (z. B. Batterien, Medikamente)
• Finanzielle Risiko- und Portfoliomodelle (theoretisch)
Genau hier stoßen selbst Supercomputer an Grenzen, weil sie jede Variante einzeln berechnen müssen. Ein Quantencomputer kann – wenn er ausreichend stabil und fehlerarm ist – diese Varianten gleichzeitig bewerten und schneller zu guten Lösungen kommen.
Der im obigen Artikel erwähnte Test mit Verkehrsunternehmen ist dafür ein gutes Beispiel: Fahrpläne, Fahrzeuge, Personal, Nachfrageschwankungen – all das erzeugt ein hochkomplexes Optimierungsproblem, das klassische Rechner kaum in Echtzeit bewältigen können.
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Warum gibt es Quantencomputer dann noch nicht im Alltag?
Weil die Technologie noch früh im Entwicklungsstadium ist. Der Vergleich mit den Computern der 1960er-Jahre ist treffend:
Die Idee ist revolutionär, die Hardware aber noch empfindlich, fehleranfällig und aufwendig zu betreiben.
Aktuelle Systeme verfügen über einige Hundert bis rund tausend Qubits. Für den wirklichen Durchbruch bräuchte man Hunderttausende oder Millionen – mit extrem niedrigen Fehlerraten. Daran wird weltweit noch intensiv geforscht, mit sehr unterschiedlichen technischen Ansätzen.
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Warum ist das für Deutschland politisch relevant?
Deutschland ist wissenschaftlich gut positioniert, etwa über Initiativen des Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt und Ausgründungen wie Planqc.
Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht die Physik, sondern die Langfristigkeit:
Quantencomputer entstehen nicht in Start-up-Zyklen von drei Jahren. Wer hier einsteigt, braucht Geduld, verlässliche Finanzierung und industrielle Anschlussfähigkeit.
Genau daran ist Europa bei früheren Schlüsseltechnologien gescheitert – mit bekannten Abhängigkeiten von US-Konzernen. Beim Quantencomputing gibt es noch ein Zeitfenster, diese Fehler nicht zu wiederholen.
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Kurz gesagt
Ein Quantencomputer:
• ersetzt keinen klassischen Computer,
• löst nicht jedes Problem,
• kann aber bei bestimmten, extrem komplexen Aufgaben einen echten Qualitätssprung ermöglichen.
Ob daraus wirtschaftliche und strategische Stärke entsteht, entscheidet sich weniger im Labor als in der Frage, ob man bereit ist, diese Technologie über viele Jahre konsequent zu tragen.

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Erläuterung:
Quantenverschränkung gehört zu den am schwersten intuitiv zugänglichen Konzepten der modernen Physik. Sie beschreibt einen Zustand, in dem mehrere Quantenteilchen nicht mehr unabhängig voneinander beschrieben werden können. Entscheidend ist dabei: Die physikalisch relevante Information liegt nicht in den einzelnen Teilchen, sondern im gemeinsamen Zustand des Systems. Erst dieser Gesamtzustand ist eindeutig definiert.
Misst man an einem Teilchen eine bestimmte Eigenschaft, legt diese Messung zugleich das Ergebnis für das andere, mit ihm verschränkte Teilchen fest – unabhängig von der räumlichen Entfernung. Dabei wird jedoch keine Information übertragen und kein klassisches Signal gesendet. Die Messergebnisse sind zufällig, aber ihre Korrelationen folgen festen quantenmechanischen Regeln. Was wie „Fernwirkung“ erscheint, ist in Wirklichkeit eine Konsequenz der gemeinsamen Zustandsbeschreibung.
Für Quantencomputer ist Verschränkung deshalb so wichtig, weil sie es erlaubt, nicht nur einzelne Zustände zu verarbeiten, sondern Beziehungen zwischen Zuständen direkt in den Rechenprozess einzubeziehen. Während klassische Computer Werte Schritt für Schritt kombinieren, können verschränkte Qubits komplexe Abhängigkeiten parallel abbilden. Genau darin liegt das Potenzial von Quantencomputern bei Optimierungs-, Netzwerk- und Simulationsproblemen.
Gleichzeitig ist Verschränkung extrem empfindlich. Jede Wechselwirkung mit der Umwelt kann den gemeinsamen Zustand zerstören. Das erklärt, warum heutige Quantencomputer trotz großer Fortschritte noch weit von industrieller Reife entfernt sind. Der eigentliche Engpass liegt weniger im theoretischen Verständnis als in der ingenieurtechnischen Kontrolle dieser fragilen Zustände über viele Qubits hinweg.