Wirtschaft ist Technologie
Wirtschaft ist kein abstraktes Planspiel und kein in sich geschlossenes Theoriesystem. Sie ist ein hochkomplexes technisches und soziales Gefüge, das Einkommen, Teilhabe, Macht und Zukunftschancen bestimmt. Kaum ein anderes gesellschaftliches Feld greift so tief in die Lebenswirklichkeit von Menschen ein – und kaum eines wird zugleich so häufig auf formale Modelle, Gleichgewichte und Kennziffern reduziert.
Ökonomische Theorien sind dabei nie neutral. Sie strukturieren Wahrnehmung, legitimieren politische Entscheidungen und stabilisieren bestehende Machtverhältnisse. Problematisch wird es dort, wo Theorie zur Nabelschau wird: wenn mathematische Eleganz, institutionelle Routinen oder akademische Selbstvergewisserung wichtiger werden als Erklärungskraft. Modelle, die reale Verteilungswirkungen ausblenden, erklären nicht – sie beruhigen.
Gerade in der digitalen Ökonomie zeigt sich diese Schieflage deutlich. Künstliche Intelligenz, Plattformmärkte, algorithmische Preisbildung und neue Finanzarchitekturen verändern Produktionsweisen, Arbeitsmärkte und Kapitalströme grundlegend. Wer diese Entwicklungen ausschließlich mit den Denkwerkzeugen der Industrieökonomie oder der klassischen Finanztheorie analysiert, verfehlt ihren Kern. Es geht nicht nur um Effizienz, sondern um Machtverschiebungen, Abhängigkeiten und neue Formen struktureller Ungleichheit.
Ökonomie muss deshalb wieder stärker als gesellschaftliches Betriebssystem verstanden werden. Sie beschreibt nicht nur, wie Ressourcen verteilt werden, sondern prägt aktiv, wer verteilt und nach welchen Regeln. Eine zeitgemäße Wirtschaftsanalyse darf sich nicht auf Rechtfertigung oder Prognose beschränken. Sie muss Zusammenhänge offenlegen, Narrative hinterfragen und technologische Entwicklungen in ihren sozialen Folgen ernst nehmen.
Nicht mehr Modellpflege, sondern strukturelle Aufklärung ist gefragt – gerade in einer Wirtschaft, die zunehmend von digitalen Systemen gesteuert wird.
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