In den vergangenen Monaten habe ich selbst intensiv mit KI-Systemen gearbeitet – nicht abstrakt, sondern konkret in der Finanzanalyse. In meinen Projekten unterstützten mich KI-Modelle (im Wesentlichen ChatGPT und für das Coding Claude) bei der Auswertung von Geschäftsberichten, der Extraktion von Kennzahlen, der Strukturierung von Risiken und der Erstellung erster Analyseentwürfe sowie bei einer Vermögensbildungspräsentation für Sparer. Die Produktivität stieg spürbar. Gleichzeitig verschiebte sich meine Rolle: Ich produzierte weniger Rohmaterial, ich bewertete, prüfte, kombinierte und entschied mehr.

Ein Beispiel: aus einer Präsentation zur Vermögensbildung (einfacher Modus) hat Claude innerhalb von 5 Minuten eine Anwendungsapp gemacht für die MeisCon vielleicht mehrere Tage gebraucht hätte! Was nach dem ersten Entwurf folgte, waren Tests und kleinere Überarbeitungen – vielleicht zusammen 1 Stunde.
Die Digitalisierung wird den Dienstleistungssektor tiefgreifend verändern. Was wir hier derzeit mit KI erleben, ist qualitativ neuartig. Es geht nicht mehr nur um bessere Software – es geht um die Verschiebung von Aufgaben, Rollen und Wertschöpfung.

Aktuelle Berichte zeigen: Rund 60 Prozent der Fachkräfte in Recht und Steuern nutzen bereits generative KI oder planen den Einsatz¹. In der Steuerbranche rechnen 95 Prozent damit, dass KI binnen fünf Jahren ein zentraler Bestandteil der Arbeitsabläufe wird¹. Besonders bemerkenswert ist nicht nur die Verbreitung, sondern die Intensität: Viele nutzen die Systeme täglich oder mehrmals täglich. KI ist kein Experiment mehr – sie ist Infrastruktur.

Was bedeutet das für Jobs im Dienstleistungsbereich?
Zunächst: Routinetätigkeiten werden systematisch verdrängt. Juristische Recherche, Dokumentenprüfung, Zusammenfassungen, Standardkorrespondenz – genau jene Tätigkeiten, mit denen Berufseinsteiger häufig beginnen, sind besonders automatisierbar. Ökonomisch betrachtet ist das kein Zufall. Der Arbeitsmarkt reagiert auf technologische Innovationen entlang von Aufgabenstrukturen, nicht entlang von Berufsbezeichnungen². Tätigkeiten mit klaren Regeln und standardisierbaren Prozessen sind stärker exponiert als solche, die Urteilskraft und Kontextverständnis erfordern.

Neu ist jedoch die Geschwindigkeit. Eine aktuelle empirische Studie von Brynjolfsson, Li und Raymond (2025/1) zeigt, dass generative KI die Produktivität in wissensintensiven Dienstleistungsjobs signifikant steigern kann³. Besonders stark profitieren weniger erfahrene Mitarbeiter – KI wirkt hier wie ein „Skill-Booster“. Das verändert die Lernkurve junger Fachkräfte. Wenn KI den ersten Entwurf schreibt, die Recherche vorsortiert und Verträge prüft, verschiebt sich der Kompetenzfokus vom Produzieren zum Beurteilen.
Das erzeugt Unsicherheit. Denn viele Dienstleistungsberufe definieren sich über fachliche Exzellenz und Detailarbeit. Wenn Maschinen diese Aufgaben schneller und günstiger erledigen, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wo liegt mein Mehrwert?

Gleichzeitig entsteht eine zweite Bewegung. Mandanten – insbesondere Unternehmensrechtsabteilungen – sind häufig offener für KI als die externen Kanzleien¹. Sie erwarten Effizienz und Kostensenkung. Der Druck kommt also nicht nur von der Technologie, sondern vom Markt. Wer KI nicht nutzt, wirkt ineffizient. Wer sie nutzt, muss erklären können, wie sie eingesetzt wird, wie Qualität gesichert wird und welchen Mehrwert sie schafft.

Noch stärker zeigt sich der Wandel mit dem Aufkommen sogenannter agentischer KI. Diese Systeme schreiben nicht nur Texte, sondern können mehrere Arbeitsschritte planen, koordinieren und teilweise selbstständig ausführen. Laut Bericht beginnt ihre Verbreitung gerade erst – dürfte aber schnell zunehmen¹.
Wenn KI nicht mehr nur einzelne Aufgaben unterstützt, sondern komplette Arbeitsabläufe übernimmt, verändert das das Geschäftsmodell vieler Dienstleister grundlegend. Statt jede Stunde einzeln abzurechnen, rückt die Steuerung und Gestaltung ganzer Prozesse in den Mittelpunkt. Und statt ausschließlich fachliches Detailwissen zu verkaufen, wird die Fähigkeit entscheidend, komplexe Abläufe strategisch zu überwachen und verantwortungsvoll zu steuern.

Hier liegt der Kern der Verunsicherung: Dienstleistungsberufe waren lange wissensbasiert und personenbezogen. KI verschiebt Wertschöpfung von der Person zur Organisation – oder genauer: zur Fähigkeit, Technologie strategisch einzubetten. Organisationen mit klarer KI-Strategie erzielen signifikant höhere Erfolgswahrscheinlichkeiten¹.
Makroökonomisch lässt sich dies als Phase transformativer KI einordnen. Brynjolfsson, Korinek und Agrawal (2025/2) argumentieren, dass wir es nicht nur mit inkrementellen Effizienzgewinnen, sondern mit potenziell wachstumsverändernden Effekten zu tun haben⁴. Entscheidend sei jedoch, wie Institutionen, Bildungssysteme und Unternehmen reagieren. Ohne strategische Anpassung droht Polarisierung.

Der Anteil derjenigen, die KI als Bedrohung für Jobs sehen, ist im juristischen Umfeld deutlich gestiegen¹. Auch das passt zur ökonomischen Literatur: Technologischer Wandel erzeugt kurzfristig Verdrängungseffekte, bevor neue Tätigkeitsfelder entstehen. Langfristig schrumpfen Berufe selten vollständig – sie verändern sich.
Tätigkeiten mit starkem Beziehungs-, Vertrauens- und Urteilscharakter sind robuster. Kritisches Denken, Mandantenkommunikation, strategische Einordnung – diese Kompetenzen bleiben knapp. Die zentrale Frage lautet daher nicht: „Werden Jobs verschwinden?“ Sondern: „Welche Tätigkeiten werden aufgewertet – und welche nicht?“
Die gute Nachricht: Dienstleistungsberufe basieren letztlich auf Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht allein durch Effizienz, sondern durch Verantwortung. KI kann Prozesse beschleunigen. Aber Haftung, ethisches Urteil und Beziehung bleiben menschlich.
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Quellen
¹ Holger Schmidt (2026): KI-Nutzung bei Anwälten und Steuerberatern schnellt hoch. FAZ PRO Digitalwirtschaft, 18.02.2026. Basierend auf dem „AI in Professional Services Report“ des Thomson Reuters Institute.
² Autor, David (2015): Why Are There Still So Many Jobs? The History and Future of Workplace Automation. Journal of Economic Perspectives, 29(3).
³ Brynjolfsson, Erik / Li, Danielle / Raymond, Lindsey (2025/1): Generative AI at Work. Quarterly Journal of Economics, Vol. 140, Issue 2.
⁴ Brynjolfsson, Erik / Korinek, Anton / Agrawal, Ajay (2025/2): A Research Agenda for the Economics of Transformative AI. NBER Working Paper.
⁵ Acemoglu, Daron / Restrepo, Pascual (2018): Artificial Intelligence, Automation and Work. NBER Working Paper No. 24196.
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Zusätzlich noch bedeutsam:
Thomson Reuters Institute (2025):
AI in Professional Services Report.
Internationale Befragung von mehr als 1.500 Fachkräften in 27 Ländern (Recht, Steuern, Buchhaltung, öffentliche Verwaltung).
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