Ungleichheit in der Internetökonomie

Oxfam hat Ende Januar 19 wieder eine Studie zur Ungleichheit der Vermögensverhältnisse auf der Welt veröffentlicht. So wie jedes Jahr, wenn sich Politiker und Wirtschaftsführer in Davos treffen. Dabei wird ein Trend verdeutlicht, der schon seit vielen Jahren thematisiert wird. Die Ergebnisse sehen so aus:
• In den zehn Jahren seit der Finanzkrise hat sich die Zahl der Milliardär*innen weltweit nahezu verdoppelt und ihre Vermögen stiegen im Durchschnitt mit 11 Prozent im Jahr.
• Dramatisch zurückgegangen ist zuletzt auch das Tempo, in dem extreme Armut reduziert wurde: Es hat sich seit 2013 halbiert. In Afrika südlich der Sahara steigt die extreme Armut sogar wieder an.

Es gibt mittlerweile über 2000 Dollar-Milliardäre auf der Welt (Quellen für die Daten: Stat. Bundesamt), die reichsten 1 % der Weltbevölkerung (Vermögen über 1 Mio. US$) besitzen rd. die Hälfte des gesamten Vermögens , die etwas Reicheren (Vermögen zwischen 100.000 und 1 Mio. US$) machen rd. 7,5 der Weltbevölkerung aus und besitzen mit den vorgenannten reichsten Menschen rd. 85 % des weltweiten Vermögens, während die ärmeren Menschen (mit weniger als 10.000 US$ Vermögen) über 73 % der Weltbevölkerung ausmachen, aber nur 2,4 % des Vermögens besitzen.
Was im Rahmen der Diskussion um Themen der Internetökonomie immer wieder betont wird ist, dass die Digitalisierung diesen Trend noch wesentlich verschärfen wird (siehe hierzu einen Beitrag aus dem Zeit-Herdentrieb-Blog) .
Anfang der 2000-er wurde im Zuge der ersten Welle der Interneteuphorie das Motto „The Winner takes it all“ gefeiert. Darauf folgte eine längere Konsolidierungsphase, die dann in der Blockchain-Euphorie ab 2015 mündete, um nunmehr in der Metaphase der“ Künstlichen Intelligenz“ zu landen. All diese Phasen der Internetökonomie hätten immer wieder Anlass gegeben, über die gesellschaftliche Herausforderungen zu diskutieren.

Im Wesentlichen ist der Befund klar: Lock-In und Netzwerkeffekte schaffen Marktmacht und begünstigen die Monopolisierung digitaler Märkte. Die Internetökonomie wird ohne staatliches Eingreifen eine Ökonomie der Monopolisierung sein und die Netzwerk- und Skaleneffekte werden zu einer noch dramatischeren Ungleichverteilung führen, denn die neuartigen Assets der Internetökonomie (Software, Datenbanken, Roboter, Systeme…) werden in den Händen Weniger bleiben und weitere Kaskadeneffekte auslösen.

Dies zu beschwören, reicht natürlich nicht aus. Wir sind heute in der Lage, Erkenntnisse zu generieren, die unsere Zukunft in erheblichem Maße prognostizierbar machen. Trends gegen diese Aufklärung (so die politischen populistischen Bewegungen) werden dabei als Schatten- und Ablenkungskämpfe inszeniert. Viele Rezepte gegen die wachsende Ungleichheit sind nur schwer umsetzbar: wer setzt sich wirklich für mehr Umverteilung, staatliche Regulierung und Steuererhöhungen ein? Die starke Zerfaserung der politischen und wirtschaftlichen Interessen lässt da wenig Gutes erwarten.
Aber klar ist auch, dass eine vollständig unregulierte Digitalisierung zu großen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen führen wird. Folgendes Zitat wird dem Wirtschafts-Nobelpreisträger Leontief zugeschrieben:
„Die Geschichte des technologischen Fortschritts der letzten 200 Jahre ist im Grunde die Geschichte der menschlichen Rasse, wie sie langsam, aber sicher versucht, den Weg zum Paradies wieder zu finden. Was würde allerdings passieren, wenn ihr dies gelänge? Alle Güter und Dienstleistungen wären verfügbar, ohne dass dafür Arbeit notwendig wäre, und niemand würde einer Erwerbsarbeit nachgehen. Nun heißt arbeitslos sein auch, keinen Lohn zu empfangen; so würden die Menschen, wenn sie auf die neue technologische Situation nicht mit einer neuen Politik der Einkommensverteilung reagieren würden, im Paradies verhungern …“ – Wassily Leontief (aus Wikipedia zum Paradies-Paradoxon, die Urheberschaft ist nicht eindeutig).

Natürlich könnte man die Idee einer Robotersteuer (vielleicht doch besser einer Vermögenssteuer) mal wieder in Augenschein nehmen oder das Konzept einer Mitarbeiterbeteiligung verfolgen: Beteiligungen der Mitarbeiter und des Staates in Fondslösungen abbilden (siehe das Beispiel Schweden für die Altersvorsorge), damit viele die Früchte der Digitalisierung ernten können. Wie auf meinem Forschungsblog thematisiert wird, könnten ergänzend Blockchain-Lösungen (Crowdinvesting u.ä.) beim Vermögensaufbau hilfreich sein. Was spräche dagegen, für Crowdinvestitionen Steuervergünstigungen für den Vermögensaufbau vorzusehen?
Zudem könnten umfangreiche Ausbildungsprogramme initialisiert werden.
Leider gibt es von politischer Seite sehr wenige Vorschläge in dieser Richtung. Eines wird schnell klar werden: Nichtstun wird die Grundlagen des Wohlstandes für Viele in den demokratischen Ländern erodieren lassen.

Dieser Beitrag ist auch am 22.März 2019 bei Wallstreet-Online erschienen.